Der neue Verschwörer-Prozeß in Moskau

In den Salons der Moskauer Diplomatie sah man oft genug das Bild: Botschafter und Gesandte im feierlichen Schwarz-Weiß des Abendanzuges umstehen die gedrungene Gestalt mit dem weltbekannt gewordenen Seemannsbart, in einem etwas schäbigen, schlecht sitzenden Straßenanzug, in der Hand die unzertrennliche Pfeife. Karl Radek spricht über Politik. Unter den spezifischen Moskauer Verhältnissen, in denen es für ausländische Beobachter beinahe unmöglich ist, sich über politische Stimmungen und Meinungen zu informieren, hörte alles scharf hin. Man war überzeugt, in dem führenden außenpolitischen Publizisten der Sowjetunion das offiziöse Sprachrohr nicht nur des sowjetischen Außenamtes zu sehen, sondern sogar der Parteileitung selbst. Und in der Erinnerung bleibt auch die elegant zu nennende Gestalt im gut sitzenden Frack – Sokolnikow, der als Sohn einer alten und reichen Patrizierfamilie sich sehr gut auf diesem Parkett bewegen konnte und es verschmähte, im Anzug seine radikale Gesinnung zu bekunden, Mitglied der Parteileitung während und nach dem Umsturz, Volkskommissar für Finanzen in der heroischen Periode der bolschewikischen Wirtschaftsgeschichte, stellvertretender Kommissär für Äußeres, Botschafter in Paris und London. Auch er erscheint in den nächsten Tagen zwischen aufgepflanzten Bajonetten als Gefangener und Todeskandidat. Weniger bekannt in der ausländischen Öffentlichkeit ist der dritte prominente Angeklagte – Pjatakow, wiederholt Mitglied der Regierung und Volkskommissär und ebenso wie Sokolnikow noch am Tage seiner Verhaftung stellvertretender Volkskommissär des wichtigsten Wirtschaftsressorts der Sowjetunion – des Volkskommissariats der schweren Industrie. In Rußland selbst ist noch der vierte Angeklagte bekannt – Muralow, der ehemalige einfache Infanterist, der sich vom Standpunkt des Bolschewismus während des Oktoberumsturzes des Jahres 1917 große Verdienste erworben hatte, später die militärische Leiter während des Bürgerkrieges hinaufstieg und die Stelle des höchstkommandierenden Generals des Moskauer Militärbezirkes erreichte.

Was ist vorläufig der sachliche Inhalt der Anklage? Soweit man die bisherigen Publikationen und offiziellen und offiziösen Auslesungen verstehen kann, wird einer Gruppe von siebzehn Personen, an deren Spitze die vier Angeklagten stehen, vorgeworfen, sie habe das sogenannte „parallele Zentrum“ der geheimen trotzkistischen Verschwörungsorganisation gebildet. Dieses „parallele Zentrum“ habe die Aufgabe gehabt, sich tief zu maskieren und im Moment der Entlarvung des Hauptzentrums mit Sinowjew und Kamenew an der Spitze an deren Stelle die zentrale Leitung der geheimen Organisation zu übernehmen. Doch schon vorher, seit dem Jahre 1933, habe es auch aktiv an der Tätigkeit der Umsturzorganisation teilgenommen. Ziel der Verschwörung sei gewesen: Umsturz der bestehenden Staatsordnung in der Sowjetunion, Wiedereinführung des „Kapitalismus“. Die Methode: terroristische Attentate, Vernichtung der heutigen Führer, Sabotage der Industrie, Zerstörung der Wehrfähigkeit des Landes, Bundesgenossenschaft mit auswärtigen Mächten, vermutlich mit Deutschland und Japan. Als vorläufige Abschlagszahlung darauf: Spionage, Beschleunigung des Kriegsausbruches und das Versprechen späterer territorialer Zugeständnisse, ja sogar einer Zergliederung der Sowjetunion. Eine große Zahl von Anklagen, deren jede einzelne, nicht nur in der Sowjetunion allein, die Todesstrafe nach sich ziehen kann. Trotzdem muß man feststellen, daß gerade das Ausmaß der Anklage ebenso wie die Angeklagten selbst Zweifel aufkommen lassen. Daß eine Opposition in der Sowjetunion und in der Partei besteht, ist gewiß. Möglich ist auch, daß diese Opposition in der einen oder anderen Form festere oder losere Formen angenommen hat. Bei allen anderen Anklagepunkten jedoch muß man vorläufig die Beweise abwarten.

Radek ist nicht seit gestern in der Revolutionsbewegung tätig. Aus kleinen Beamtenverhältnissen Westgaliziens stammend, beteiligte er sich schon mit 14 oder 15 Jahren an der radikalen polnischen nationalen Bewegung. Noch als sehr junger Mensch trat er zur Sozialdemokratie über. Aus der ihm nicht behagenden Wiener Atmosphäre ging er in das Deutsche Reich und betätigte sich über ein Jahrzehnt auf dem radikalen linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie. Bei Kriegsausbruch macht er die Politik der deutschen Sozialdemokratie nicht mit und benützt die erste Gelegenheit, um nach der Schweiz zu Lenin zu gelangen. Mit ihm zusammen zog er nach Rußland, von wo aus, wie er glaubte, die Weltrevolution ihren Siegeszug antreten werde. Zuerst Sowjetdiplomat, Mitglied der Delegation in Brest-Litowsk, wird er, der frühere polnische Sozialdemokrat, bestimmt, Mitglied der zukünftigen polnischen Sowjetregierung zu werden. Im Walde vor Warschau erwartet er den siegreichen Einzug der Sowjettruppen in Polens Hauptstadt und die Proklamation der polnischen Sowjetrepublik. Die Umkehr der Roten Truppen wirft ihn auf ein anderes Arbeitsfeld. Er wird der faktische Führer des deutschen Kommunismus. Er leitet zuerst von Moskau aus, dann zweimal direkt durch illegalen Aufenthalt in Deutschland, die Versuche zu einer Revolutionierung Deutschlands. Zurückgekehrt, arbeitet der erfahrene Mann in der Sowjetpresse und in der Komintern, er ist zur selben Zeit auch Rektor der Moskauer chinesischen Universität. Doch als Trotzki stürzt, ist der Radikale und Draufgänger Radek mit ihm verbunden. Er geht für einige Jahre in die Verbannung, aus der er reumütig nach Moskau zurückkehrt und wieder in die Partei eintritt. Jahre hindurch ist er nun das publizistische Sprachrohr der sowjetischen Außenpolitik. Ob Radek oppositionell gesinnt ist? Er hatte alles: Ruhm, gutes Einkommen, Einfluß, ist auch von der heutigen Parteileitung persönlich nicht verärgert worden. Radek ist internationalistischer als die heutige Sowjetrepublik. Seine Opposition ist möglich. Welch überzeugende Worte fand dieser hochtalentierte Agitator im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten gegen den Kapitalismus. Jetzt soll er den Plan gehabt haben, diesen „Kapitalismus“ in der Union wieder einzuführen? Es ist vorläufig psychologisch nicht faßbar, daß man jahrelang Gesinnungsdokumente in die Welt setzt und sich kein einziges Mal dabei verspricht, wenn man sie nicht ehrlich meint. Es ist psychologisch unmöglich, daß diese Gesinnungsdokumente von einer solchen Überzeugungstreue sprechen und doch Verfälschungen sein sollen?

Bei dem anderen Angeklagten, Grigori Sokolnikow, ist nur das eine richtig: Die Dokumente, die gerade in der letzten Zeit veröffentlicht worden sind, zeigen, daß das persönliche Verhältnis zwischen Sokolnikow, als er noch im Bürgerkrieg Armeekommandant war, und der heutigen Parteileitung nicht das beste war. Anderseits ist gerade Sokolnikow mit der bolschewikischen Bewegung eng verwachsen. Auch er tritt schon als Moskauer Gymnasiast in die illegale Organisation der Bolschewiken ein. Er macht die Oktoberrevolution als einer der führenden Männer der Partei mit. Als einer der ersten Sowjetdiplomaten geht er nach Brest-Litowsk. Dann übernimmt er in der verworrensten Zeit das Finanzressort. Er bringt die Sowjetwährung in Ordnung, schafft eine neue Währung – den Tscherwonez. Man weiß, seit den Trotzkistenkämpfen ist Sokolnikow oppositionell gesinnt. Er ist jedoch sehr vorsichtig, sodaß er sich eigentlich durch nichts kompromittiert. Er wird nie aus der Partei ausgeschlossen. Er geht nicht in die Verbannung. Er braucht auch niemals, wie die anderen, in der Öffentlichkeit den Gang nach Kanossa anzutreten und sich selbst zu beschimpfen. Seine oppositionelle Gesinnung führt ihn dazu, daß er aus der unmittelbaren Regierung ausscheidet und als stellvertretender Volkskommissär für Äußeres sehr bald ins Ausland als Botschafter geht. Ein Mann nicht nur von großer politischer Vorsicht und Klugheit, sondern von einem gewaltigen politischen und volkswirtschaftlichen Wissen. Und dieser gebildete Volkswirt soll die Idee gehabt haben, einen radikalen Umbruch der gesamten sowjetischen Volkswirtschaft, der technisch kaum möglich ist, durchzuführen? Dieser gewiegte Diplomat und erfahrene Politiker soll, auch wenn er oppositionell gesinnt ist, zur Durchsetzung seiner politischen Ziele das Abenteuerliche gewählt haben? Auch das ist erst unter Beweis zu stellen.

Endlich Pjatakow. Auch hier kann man natürlich sagen, daß er, einstmals außerordentlich populär unter den ukrainischen Revolutionären, schon 1920 bis 1921 verärgert darüber war, daß man ihn nicht als Allgewaltigen in der Ukraine belassen hatte, wie er es erwartet hatte. Es ist wahr, bei aller Klugheit, bei aller Ausgeglichenheit ist Pjatakow eine sehr ehrgeizige Natur. Dieser Ehrgeiz kann ihn natürlich in die Reihen der Opposition geführt haben. Doch auf der anderen Seite muß man ihn als einen der gewandtesten Volkswirtschaftler Sowjetrußlands ansehen, als einen Mann mit bedeutenden wirtschaftlichen Erfahrungen und von großer wirtschaftsorganisatorischer Begabung. Seine sozialistische Erziehung läßt es schwer als möglich erscheinen, daß er den Weg des individualistischen Terrors für gangbar ansah.

Die offiziösen Auslassungen sprechen davon, daß die Angeklagten „in flagranti“ ertappt worden sind. Wie ist das aber, wenn man bei der Einführung des Kapitalismus in der Sowjetunion „in flagranti“ erwischt wird? Wie stellen sich diese Volkswirtschaftler vor, gerade in Rußland, in dem die Unternehmerschaft schon längst vernichtet worden ist, einem Wirtschaftsliberalismus wieder auf die Beine zu helfen? Und wozu wollen sie es? Ebenso muß der Prozeß die Frage beantworten, welche Interessensgemeinschaften das Bündnis mit den fremden Mächten fundieren. Das ist nur eine kleine Auslese aus den vielen Fragen, die der historische Prozeß zu beantworten hat. Der Vorhang über den nächsten Akt der Tragödie einer Diktatur hebt sich. Dieser Prozeß ist von einer besonders weittragenden Bedeutung für die politische Lage der Gegenwart. Ist wirklich das Regime durch die großen Verschwörungen in eine Bedrängnis geraten oder spielen andere Gründe eine Rolle, daß jetzt dieser radikale Kampf mit den oppositionellen Gesinnungen aufgerollt wird? Besteht wirklich etwas von den internationalen Zusammenhängen, von denen in den Prozessen gesprochen wird? Auch innenpolitisch haben die vielen Verhaftungen eine Atmosphäre geschaffen, die unbedingt geklärt werden muß. Selbst für den an vieles gewohnten russischen Menschen muß der Prozeß eine plausible und klare Antwort bringen. Es ist schwer, hier etwas vorauszusehen. Die bolschewikische Psychologie ist oft kaum verständlich. Während man in der übrigen Welt vor einer Häufung von Todesurteilen sich scheut, nicht allein aus humanitären Gründen, sondern weil sie entweder moralisch nicht gerechtfertigt sind oder aber die äußerste Notwehr eines in Gefahr befindlichen Regimes beweisen, so scheint man sich, wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, in Sowjetrußland um solche nachträglichen Deutungen des Auslandes nicht zu kümmern.

Ing. Nikolaus Basseches

(Neue Freie Presse vom 27. Jänner 1937, Seite 1 und 2)

Die Verhaftung der weißrussischen Abgeordneten.

Telegramm unseres Korrespondenten.

Warschau, 18. Januar

Bei den Linksparteien des Sejm wächst die Erregung über die Verhaftung der weißrussischen Abgeordneten durch si politische Polizei. Der angeblich verschwundene Abgeordnete Miotla ist nicht, wie es hieß, geflohen, sondern gleichfalls verhaftet worden. Somit sitzt nunmehr die gesamte Fraktion der weißrussischen bäuerlichen Partei hinter Schloß und Riegel, dazu ein Abgeordneter der unabhängigen Bauernpartei. Sejmmarschall Rataj hat schriftlich und in Konferenzen mit dem Justizminister Meysztowicz um eine Erklärung ersucht, ob die Abgeordneten wirklich bei gemeinen Verbrechen in flagranti erwischt worden sind, da anderenfalls ihre Verhaftung verfassungswidrig sei. Der Sejm wird sich in seiner nächsten Plenarsitzung mit den Vorfällen beschäftigen.

(Neue Freie Presse vom 18.01.1927, Seite 2)

Danksagung aus dem IX. Bezirk

Auf dem Platze hinter der Votivkirche wird massenhaft der Schnee, neuester Zeit aber aller Unrath zugeführt, sodaß der ganze Platz schon jetzt klafterhoch mit der Ablagerung bedeckt ist, wodurch die Passage daselbst zwischen der Währinger- und der Alserstraße abgeschnitten wurde. Indem alle Landwirthe um Wien auf diesen billigen Dünger hinter der Votivkirche aufmerksam gemacht werden, danken insbesondere die in der Nähe Wohnenden den edlen Häuptern der Stadtcommune für die ihnen zugedachte, sich jetzt nach und nach entwickelnde Cholera-Atmosphäre.

Wien, am 16. Januar 1867.        A.

(Neue Freie Presse vom 17.01.1867, Beilage)

Wein-Lizitation

Bey der Herrschft Friedau, drey Meilen unter Pettau, werden am 5. und 6. November d. J. In den Schloßkellern im Wege einer öffentlichen Versteigerung 40 Startin gute alte Weine, unter denen sich bey 20 Startin Luttenberger vom Jahre 1811 befinden, dann auch die dießjährige Weinfechsung, 5 Eimerweise, an den Meistbiethenden verkauft. Kauflustige werden hiermit zur zahlreichen Erscheinung eingeladen.

(Grazer Zeitung vom 24.10.1816, Seite 2)

Anmerkung: 1 Eimer = 56,6 Liter, 1 Startin =10 Eimer = 566 Liter

Als Kind entführt, als Mann heimgekehrt

Olmütz, 8. August. Die Gendarmerie in Bärn verhaftete vor einigen Tagen einen jungen Zigeuner. Er hatte keine Ausweispapiere bei sich; er gab an, Johann Prototzky zu heißen und 21 Jahre alt zu sein; er führe den Namen nach seiner Pflegemutter, die eine Zigeunerin sei. Dunkel erinnere er sich, daß er vor fünfzehn Jahren, als er mit seinen Eltern in Prag weilte, von einer umherziehenden Zigeunertruppe entführt worden sei. Er sei ganz in der Gewalt seiner Pflegemutter gewesen. Da diese nun in Rußland gestorben sei, habe er sich auf den Weg in die Tschechoslowakei gemacht, um seine Eltern zu suchen.

Als Kind entführt

Gestern meldete sich nun auf diese Verlautbarung hin, daß ein junger Mann, der vor fünfzehn Jahren entführt worden sei und seine Mutter suche, tatsächlich eine Geschäftsfrau. Sie erzählte, daß ihr vor vierzehn Jahren ihr Kind geraubt worden sei. Die Frau erkannte dann an einem Muttermal in dem Zigeuner tatsächlich ihren Sohn. Die Frau hat noch sechs Kinder, die alle am Leben sind.

(Das Kleine Blatt vom 9. August 1936, Seite 8)

Strenge Bestrafung wegen grober Lebensmittelverfälschung

GerichtshalleInnsbruck, 28. Juli. Vor dem hiesigen Erkenntnissenate hatte sich der im Jahre 1874 in Absam geborene und dort ansässige Bauer Josef Piechl wegen grober Lebensmittelfälschung zu verantworten. Piechl ist bereits wegen Milchpantscherei mit 10 Tagen Arrest und 20 Tagen Geldstrafe verurteilt worden. Der neuerlichen Anklage lag folgender Tatbestand zugrunde: Piechl hatte durch sieben Jahre täglich an den Milchhändler Alois Aichner in Hall durchschnittlich 25 Liter Milch geliefert und hiebei eingestandenermaßen das zum Ausspülen der Milchgefäße verwendete Wasser, das sogenannte Schweinswasser, der Milch beigemischt. Piechl behauptet, dies sei nie mehr als ein halber Liter gewesen, während die Untersuchung der Milsch einen Mindestwasserzusatz von zwei Litern ergab. Der Angeklagte wurde zu sechs Wochen Arrests und 400 Kronen Geldstrafe verurteilt.

(Neue Zeitung vom 29.7.1916, Seite 6)

Die Wahl des neuen Kalifen

Mohammed VI als Kandidat

Rom, 7. Mai. Nach Meldungen aus Kairo werden in der dortigen großen Moschee umfangreiche Vorbereitungen für die Wahl des neuen Kalifen getroffen. Unter den Kandidaten wird auch der Name des abgesetzten Sultans und Kalifen Mohammed VI. Genannt, der augenblicklich in San Remo in der Verbannung lebt. Die Botschaft, die er in Form eines feierlichen Protestes gegen seine Entsetzung an das islamitische Komitee gerichtet hat, soll großen Eindruck hervorgerufen haben. In der islamitischen Welt hat eine lebhafte Polemik darüber eingesetzt, daß die spanische Regierung bei der ägyptischen Regierung durchgesetzt hat, daß die Delegierten des Rifgebietes für die Wählerversammlung nicht in Ägypten eingelassen werden sollen.

Prager Tagblatt

(Prager Tagblatt vom 8.5.1926, Seite 4)

„Was die Frauen alles können.“

Der Krieg hat bereits die Erkenntnis gezeitigt, daß die Frau in ihrer vielseitigen Verwendbarkeit unterschätzt und ihre einwandfreie Ersatzfähigkeit für die im Felde stehenden Männer verkannt worden ist. Wir sehen die Frau nicht nur in geistigen Berufen tüchtig am Werke, sondern auch schon dort, wo bisher nur das „starke“ Geschlecht durch sein physisches Übergewicht in Betracht kam.

Briefträgerinnen, Schaffnerinnen haben sich vortrefflich bewährt und in vielen geschäftlichen Betrieben versehen nun Frauen auch den „Herren“-Dienst in ebenso gewissenhafter wie handfester Weise. Diese dienstliche Metamorphose hat sich naturgemäß auch in den Trachten erkennbar gemacht und, über das erste Befremden hinweg, hat sich unser Anpassungsvermögen im Kriege schon damit befreundet, auch Frauen in männlich-energischer Adjustierung um uns zu sehen.

Neuerdings taucht eine überaus schmucke Type in den Wiener Straßen auf und erregt die wohlgefällige Aufmerksamkeit der Passanten. Durchwegs stramme Frauengestalten in einer sehr schicken Uniform aus kurzem Rock und Pumphose in graugrünem Peluche, ebensolcher Kappe mit gelbem Seidenband und schwarzer Firmeneinwebung und Wickelgamaschen aus Trikot. Dieses fesche Amazonenkorps sind die von den Ersten Wiener Kronenbrotwerken gemusterten, bezw. Kürzlich installierten Brot-Ausführerinnen, resp. -Zustellerinnen, welche ihr Gefährte mit zielbewußter Hand durch die Straßen Wiens lenken, um das beliebte Kronenbrot an die zahlreichen Konsumgeschäfte fein säuberlich abzuliefern. – Das Debüt einiger dieser versuchsweise adjustierten Kronenbrot-Amazonen ging allerdings nicht glatt vonstatten, weil sich manche der Konsumentinnen durch den Anblick von Frauen in Männerkleidern in ihrer hehren Weiblichkeit verletzt fühlte und mußten sogar energische Kontrollore die ersten Fahrten zur Beschützung mitmachen. Es wurden nun ganze Scharen ausgestattet und bald machte sich auch hier die praktische Einsicht geltend, so daß heute die zahlreichen Kronenbrot-Ausführerinnen, resp. -Zustellerinnen ihren Dienst in musterhafter Weise versehen können. Naturgemäß hatten dieselben vorher eine gründliche Berufsausbildung erfahren müssen, indem sie von Fahrmeistern zum Kutschieren abgerichtet, von Instruktoren zum Kundenverkehr herangebildet wurden – strenge „Mannes“-Zucht wird auch hier gehalten, denn ihre Arbeitstätigkeit wird durch Inspektoren und Revisoren genauest kontrolliert. Es ist gewiß interessant, zu erfahren, daß bei der Anwerbung die mannigfachsten Berufsklassen sich gemeldet haben und waren darunter Beamtinnen, Geschäftsfrauen, Musiklehrerinnen, Köchinnen, Stubenmädchen, Näherinnen, Modistinnen, Straßenbahnschaffnerinnen, Kinderfräuleins, ja selbst Akrobatinnen, Artistinnen, Tänzerinnen, Zirkusreiterinnen, Sängerinnen, Hebammen haben sich lebhaft um diese Stellen beworben. Als noch bekannt wurde, daß die Kronenbrot-Ausführerinnen, res. -Zustellerinnen das sehr namhafte Einkommen von einigen hundert Kronen pro Monat erreichen, entstand eine fast stürmische Hausse in weiteren Bewerbungen um diesen einträglichen Verdienst. Bemerkenswert ist, daß Ausführer und Ausführerinnen anderer ähnlicher Unternehmungen kein derartig hohes Einkommen, wie diejenigen der Ersten Wiener Kronenbrotwerke aufweisen können. Dieses Unternehmen kann mithin das schöne Verdienst für sich in Anspruch nehmen, daß es in den schweren Zeiten des Weltkrieges einer großen Zahl erwerbsloser Frauen einen reichlichen Verdienst ermöglicht. Es erübrigt daher nur noch zu sagen, daß die Erwerbsfähigkeit der Frau heute eine nahezu unbegrenzte ist und es wäre nur wünschenswert, daß dem löblichen Beispiele der Ersten Wiener Kronenbrotwerke auch andere Unternehmungen, insbesondere die Arbeiter-Konsumvereine, folgen würden.

Die Neue Zeitung, 2.4.1916, Seite 5

(Die Neue Zeitung vom 2.4.1916, Seite 5)